Neue Nachbarn in Brand

Am 15. November fand wie jedes Jahr die Gedenkfeier zum Volkstrauertag am Ehrenmal statt. Vertreter der Bezirksvertretung, Vereine, Kirchengemeinden und Bevölkerung gedachten mit Worten, Musik, Gebet und Blumen der Toten der beiden Weltkriege. Es ist im besten Sinne des Wortes jedes Jahr dasselbe, und doch war dieses Jahr etwas anders. Unter den Gästen waren 15 junge Syrer, notuntergebracht in der Turnhalle Rombachstraße. Aufmerksam verfolgten sie das Geschehen, auch wenn sie sicher kein Wort verstanden haben. Bewusst oder unbewusst entstand so eine Brücke zwischen den Kriegsopfern vergangener Jahrzehnte und den Kriegsopfern heute.

Keiner von uns weiß so genau, auf welchen Wegen die jungen Männer zu uns gekommen sind, noch was hinter ihnen liegt. Noch weniger wissen wir, welcher Kommune sie kurz darauf ‚zugewiesen‘ werden, was sie erwartet, und was eigentlich das Schicksal ihrer Schwestern sein wird, die sich – kulturbedingt – in den seltensten Fällen auf den Weg machen. Die jungen Männer stehen für zahlreiche Menschen aus Syrien und anderen Kriegs-, Krisen- und Elendsgebieten, die in den letzten Monaten Zuflucht in Deutschland gesucht haben. Die Not der Welt fällt uns in diesen Tagen buchstäblich auf die Füße und rückt vom Fernseher in unsere unmittelbare Nachbarschaft.

Dabei hatten wir Brander im Vergleich zu vielen anderen Gemeinden noch das Glück, uns auf die neue Situation vorbereiten zu können. Bereits im Februar entstand übergreifend für Brand und Forst und ausgehend von den jeweiligen Kirchengemeinden der Ökumenische Lenkungskreis Flüchtlinge ÖLF.

Als dann ab Anfang September insgesamt 200 Schutzsuchende in der Körner-Kaserne Forst eintrafen waren wichtige Kontakte bereits geknüpft, Erfahrungen anderer Stadtteile zusammengetragen und erste Überlegungen angestellt. Unter der ehrenamtlichen Leitung von Richard Schmitt und mit der Hilfe ungezählter Hände aus Brand und Forst konnten die Menschen versorgt und betreut werden. Innerhalb kürzester Zeit waren über die Erst- und Essensversorgung hinaus eine gut sortierte Kleiderkammer und ein Kindergarten entstanden, die medizinische Versorgung organisiert, Sprachkurse und Freizeitangebote angelaufen. Wo immer möglich brachten sich die Flüchtlinge selber ein. Es war eine intensive Zeit für alle Beteiligten, die am 5. November mit einem großen Abschiedsfest endete, bevor es am Folgetag in Bussen zur Registrierung und weiteren Zuweisung nach Niederaußem ging.

In Brand ging es etwas später los. Nachdem bereits Mitte September die Einfachturnhalle an der Rombachstraße für den Sport gesperrt und mit Matratzen ausgestattet worden war, kamen schließlich in der Nacht zum 19. Oktober die ersten 38 Flüchtlinge – meist Familien – an, weitere folgten in den allernächsten Tagen. Doch der Bedarf – so zeigte sich bald – ist viel größer. Die Dreifachturnhalle wurde ebenfalls als Notunterkunft ausgerüstet – Gesamtschule und Sportvereine tragen diese schmerzliche Einschränkung mit großer Solidarität. Bald war mit Klaus Assent auch für Brand ein Ehrenamtler gefunden, der nicht nur im Dauereinsatz die Gesamtkoordination stemmt, sondern zugleich noch immer für jeden das richtige Wort parat hat.

Und auch in Brand sind vom ersten Tag an viele Helferinnen und Helfer im Einsatz und bleiben auch nach der offiziellen Verantwortungsübernahme durch das DRK unverzichtbar. Die vom ÖLF ins Netz gestellten Listen für die Essensausgabe füllen sich schneller als man gucken kann, und bald werden auch hier erste Sprachkurse angeboten, mit Kindern Martinslaternen gebastelt, Sport, Ausflüge und Freizeitaktivitäten organisiert und alles getan, um den Menschen das Leben in unserer Region näher zu bringen.

Ein besonderer Höhepunkt soll am 27. Dezember, dem Fest der Heiligen Familie, eine weihnachtliche Feier für Flüchtlinge, Nachbarn und Helfer im Pfarrzentrum St. Donatus sein. Wer dann in der Turnhalle leben wird, wissen wir heute noch nicht, denn bereits Mitte November heißt es für einen Großteil der Erstankommenden ‚Registrierung in Niederaußem‘. Was im Grundsatz zweifellos notwendig ist, erschließt sich in der konkreten Durchführung weder Herz noch Verstand. Alle müssen alles packen und mitnehmen – nicht wissend, wer am Abend zurück in die Unterkunft kommt oder vielleicht nach Eisenhüttenstadt, Chemnitz oder Flensburg geschickt wird. Viele Menschen, die nach langer Odyssee bei uns gelandet und froh sind, erste Vertrautheit mit ihrem Umfeld und den Menschen in ihrer Umgebung gewonnen zu haben, müssen wenig später anderswo erneut ganz von vorne anfangen.

In Brand wird der Tag der Registrierung genutzt, um die inzwischen mit Laminat ausgelegte Turnhalle zu reinigen und mit Etagenbetten für bis zu 320 Menschen auszustatten, die hier ein provisorisches Zuhause ohne jede Privatsphäre finden.

Zurzeit sind viele Fragen offen. Wie geht es hier vor Ort weiter? Wie wird die Zukunft dieser Menschen aussehen? Wie die Zukunft ihrer Heimat? Viel mehr als uns quält diese Ungewissheit die Menschen, die hier Zuflucht suchen. Wir wollen uns mit Zeichen tätiger Solidarität auf sie einlassen und ihnen helfen, wieder Vertrauen in das Leben zu fassen. Wir wollen ein Gegenmodell sein zu denen, die Fremdenhass und Ängste schüren oder einfach selbstverständlich davon ausgehen, dass die große Schere zwischen Arm und Reich zu unseren Gunsten immer so bleiben muss.

Rita Breuer (für den ÖLF)

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