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Köln und die Folgen – wir sprechen miteinander

Kein Thema bewegt unsere Gesellschaft so sehr wie die Geschehnisse der Silvesternacht in Köln. So wenig auch derzeit noch über die genaue Identität der Täter bekannt ist, so sehr werden in der öffentlichen Diskussion die massenhaften sexuellen Übergriffe auf Frauen rund um Dom und Hauptbahnhof mit der Flüchtlingskrise in Zusammenhang gebracht. Grund genug, auch im Kreis der Flüchtlinge und Flüchtlingshelfer in Brand und Forst über das Thema zu sprechen. Angeregt hatten die Diskussionsrunde in der Brander Martin-Luther-Kirche Gereon Hermens vom ÖLF und Dr. Jamal Sobeh, der als Diplom-Psychologe im Bethlehem-Gesundheitszentrum Stolberg tätig ist. Er dolmetschte zugleich zwischen den deutschen und arabischen Redebeiträgen.

Im Gespräch: (von links) Rami Akl vom Helferkreis Körner-Kaserne, Gemeindereferent Ralf Lehmkühler von St. Donatus, Samineh Safaieh-Meven aus Brand und Mitinitiator Dr. Jamal Sobeh.

Im Gespräch: (von links) Rami Akl vom Helferkreis Körner-Kaserne, Gemeindereferent Ralf Lehmkühler von St. Donatus, Samineh Safaieh-Meven aus Brand und Mitinitiator Dr. Jamal Sobeh.

Es war eine bunt gemischte Runde von Interessierten und Engagierten aus Deutschland, Syrien, Iran, Irak und Jordanien, von der Schülerin bis zum Pfarrer, von der Ärztin bis zu einem ehemaligen Philosophiestudenten der Universität von Damaskus. Mit Gemeindereferent Ralf Lehmkühler von St. Donatus war auch die katholische Kirchengemeinde vertreten. Informiert waren alle über die Geschehnisse von Köln, die auch unter den Flüchtlingen für heftige Diskussionen gesorgt hatten.

In der Ablehnung der Übergriffe herrschte Einigkeit: „Das sind nicht unsere Werte“, sagte ein Syrer. „Als Männer müssen wir Frauen schützen“, betonte ein Anderer. Keine Antwort konnte es naturgemäß geben auf die Frage, warum die Polizei die Taten nicht verhindern konnte – und die Täter noch nicht hart bestraft oder gar abgeschoben wurden.

Runde37

Gereon Hermens vom Ökumenischen Lenkungskreis Flüchtlinge legte dar, wie sich die Lage nach der Silvesternacht entwickelt hatten und welche Auswirkungen sie auf die deutsche Gesellschaft entfaltet hatten: von den derzeitigen immer neuen Forderungen in der Politik nach schärferen Gesetzen und mehr Polizisten bis zur gestiegenen öffentlichen Unterstützung für Parteien wie die AfD und die „Pegida“-Bewegung. „In Brand ist die Situation noch sehr positiv“, erläuterte er. „Das ist aber nicht überall in Deutschland so.“

Dass sich aber mittlerweile auch in Aachen Flüchtlingshelfer unter Erklärungs- oder sogar Rechtfertigungsdruck durch Freunde und Familienmitglieder sehen, schilderte Samineh Safaieh-Meven, Branderin mit iranischen Wurzeln. Sie habe zeitlebens sowohl orientalische Werte wie Gastfreundlichkeit und Herzlichkeit ebenso gelebt wie deutsche Tugenden wie Pünktlichkeit und Ordnung – doch was sie zeitlebens als Bereicherung empfunden hatte, entwickele sich nun eher zu einem Problem.

Kein Zweifel: Köln war ein gravierendes Ereignis, das tiefe Spuren hinterlassen hat. Indes: „Ob unsere Tochter zum Judo geht oder in der Turnhalle Rombachstraße hilft – wir sind so besorgt und unbesorgt, wie wir vorher waren“, sagte eine Mutter.

Dass Grenzen zwischen Kulturen und Religionen überwunden werden können, beschrieb Gastgeber Pfarrer Uwe Loeper, selbst Deutscher mit Migrationserfahrungen – seine Familie hatte im Zweiten Weltkrieg aus Ostpreußen fliehen müssen. Während in seiner Kindheit der Pausenhof seiner Schule noch durch eine Linie in je einen Bereich für die katholischen und einen für die evangelischen Schüler getrennt war, sei so eine Unterscheidung heute nicht mehr denkbar.

Den anwesenden Flüchtlingen zollte er für ihr Interesse am Thema großen Respekt: „Es gibt Kraft in euch und das sehe ich.“ Er bat sie, die in Aachen gemachten Erfahrungen weiterzugeben, wenn sie – wie angekündigt – ab Wochenbeginn in ihre endgültigen Wohnorte in Deutschland verteilt werden. „Traut euch, auf andere zuzugehen.“ Ein ermutigendes Wort, gefolgt von einem demonstrativer Schulterschluss von Flüchtlingen und Helfern beim abschließenden Gruppenfoto.

Fotos: Marc Heckert

Fotos: Marc Heckert